Verlassen und vergessen: Spezialkinderheime in der DDR

Der Herbstwind heult ächzend durch die alten Gemäuer des ehemaligen Spezialkinderheims in Bräunsdorf und lässt dabei so manches loses Fenster gegen die alten Rahmen schlagen, an denen die alte Lackfarbe langsam aber zielsicher gerollt abblättert.

Manch alte Gardine flattert in kühler Zugluft zeitlos vor sich hin. Der trübe und verderbliche Schimmer des Herbstes verpasst den langen Fluren und hohen Räumen eine beängstigende Atmosphäre und spiegelt vielleicht das einst Erlebte der hier untergebrachten Kinder wieder.

Das Kinderheim Bräunsdorf war eines von vielen Umerziehungsheimen in der DDR und unterstand der Jugendhilfe unter Leitung von Margot Honecker. Hier wurden Kinder und Jugendliche untergebracht, die nicht den sozialistischen Maßstab im Alltag erfüllten und schon wegen geringen Vergehen Prügel und Erniedrigung erfuhren. Grund für die Einweisung in solche Heime waren unter anderem Schulschwänzen, Umtriebigkeit oder Aufbegehren gegen das sozialistische Regime. Auch Hochbegabte, die sich in der Schule langweilten und demnach auffällig im Unterricht wurden, konnten in solch ein Heim kommen. Entschieden wurde die Einweisung willkürlich und ohne Gutachten oder einem richterlichen Beschluss durch Lehrer oder anderen Aufsichtspersonen.

….das Außenareal des Kinderheims wirkt wie ein verwunschener Schlosspark mit in sich gedrehten alten Bäumen, die zu dieser Jahreszeit wie geisterhafte Erscheinungen auftreten. Es sind teilweise noch Wege erkennbar. Eine große Ratte liegt tot im gefallenen Herbstlaub. Sie scheint keine äußeren Verletzungen zu haben. Die Kinder die hier einst untergebracht wurden, haben heute sicher auch keine äußeren Verletzungen mehr aufzuweisen. Die inneren, seelischen Verletzungen sitzen vielleicht noch sehr tief.

Das Leitbild der Erziehung in solchen Heimen war nach Sowjetvorbild als Kollektiverziehung bekannt. Die beinhaltete auch die Kollektivschuld. Das heißt, wenn ein Kind einen vermeintlichen Fehler beging, oder sich nicht diszipliniert genug verhielt, die ganze Gruppe dafür haftete und Strafen aufgebrummt bekam. Das hatte oft zur Folge, dass so Außenseiter entstanden, die nun noch zusätzlich von der Gruppe Prügel bezogen. Die Meinungen zum Kinderheim Bräunsdorf fallen daher auch unterschiedlich aus.

….wir wussten vorher nichts über diesen Ort, außer das es ein verlassenes Kinderheim war. Doch fühlten wir in den Gebäuden des alten Heimes eine tief bedrückende Stimmung. In einem Zimmer stand draußen vor dem Fenster eine große alte Lampe, die typisch für die damalige Zeit war. Wie ein Soldat der Wache schiebt und einst die Zimmer des Nachts ausleuchtete. So stand sie nun Jahrzehnte lang da. Einsam, steif, kalt.

Im Internet finden sich viele Zeitzeugenberichte über das Spezialkinderheim in Bräunsdorf bei Freiberg, was nur knapp eine dreiviertel Stunde von Meißen entfernt liegt. Teilweise sind es wirklich haarsträubende Berichte über gewalttätige Übergriffe von Erziehern, die den Namen Erzieher in keinster Weise gerecht werden und auch nicht verdient haben. So wird von Prügel mit Besen, werfen des Schlüsselbundes und sogar Freiheitsberaubung durch Wegsperren in Zellen und Türmen berichtet. Eine Zelle haben wir gefunden und fotografiert.

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Arrestzelle Bräunsdorf

….schon müde von den vielen Treppen und Eindrücken des ehemaligen Kinderheimes, kommen wir auf einen teilweise ausgebauten Dachboden mit vielen kleinen Zimmerchen. Draußen dämmert es schon langsam und die trübe Herbststimmung verdunkelt sich nun schrittweise immer mehr und macht den Ort noch bedrückender als zuvor. Eine dicke Eisentür rückt in unser Blickfeld. Was mag sich dahinter verbergen? Eine Zelle. So, wie man sie aus dem Gefängnis kennt. An dieser Stelle wurde uns sehr mulmig und das Interesse an diesem Ort noch mehr geweckt.
Zum Abschluss besuchten wir noch das alte Rittergut von Bräunsdorf, was gleich nebenan von dem Kinderheim immer mehr in sich zusammenfällt. Hier wurden damals die Heimkinder oft zur Arbeit eingesetzt, um Disziplin im Umgang mit Arbeit zu erlangen.

Meine Empfindungen im verlassenen Spezialkinderheim Bräunsdorf

von Nicole B.

Wie der graue Himmel an diesem Tag, so verdunkelte sich auch meine Stimmung beim Gang durch diese alten Gemäuer.

Von Ihnen ging etwas schwermütiges aus, was nicht einfach zu beschreiben und doch deutlich spürbar war. Kalt pfiff der Wind durch die verlassenen Gänge, durch die eins Kinder spazierten, ein jedes mit seinem Schicksal. Gab es auch glückliche Stunden in all diesen leeren Zimmern?

Schalte einst Gelächter hinter den unzähligen Türen? Ausschließlich im augenscheinlichen Schulgebäude zeugten die Farben an den Wänden und Türen von ein wenig Lebensfreude.

Unbehaglich und düster überkam es mich jedoch besonders in einem Gang des Wohntraktes. Was mochte hier geschehen sein, vor all den Jahren, was noch immer jegliche positive Emotion aus dem Körper zu saugen schien.

Schwer war es mir ums Herz und auch etwas unheimlich zu Mute. Was mussten Sie ertragen, die, bei denen „Umerziehung“ die letzte Rettung zu sein schien? Wie viele Tränen flossen hier in langen Nächten? Es war als könnte ich ihre Angst spüren, wie ein kalter Atemhauch…. Gänsehaut…. Trübsinn…


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16 Kommentare

  1. Ich war fast 6 Jahre in Bräunsdorf und kann mich nicht an eine Arrestzelle erinnern. Will sich da jemand etwas „interessant“ machen?
    Strafen gab´s schon aber keinen „Arrest“.

    1. Hallo Karl.
      Die Zelle war im Haus Zwei unterm Dach. Vllt warst Du ja in einer Gruppe die lieb und anständig war und wo kein Mitschüler mal weggesperrt wurde weil er dem Heimalltag entfliehen wollte.

      1. Ich war auch da,es tut heute noch weh,bin heute Mama und Oma,aber habe nie vergessen was man mir da angetan hat.Es ist in Worten nicht wiederzugeben,und meine Gefühle sind heute noch voller Schmerz,es war so schlimm das ich es kaum erzählen mag,sowas macht man mit Kindern nicht.Meine Narben auf meinem Körper und meiner Seele bleiben für immer.Mfg Heidi 🌹🦋

    2. R. Heisenberg Gram

      Kannst du dich nicht erinnern? Willst du dich nicht erinnern? Oder ist es sogar wieder einer die sich nicht erinnern sollen, falls wieder mal jemand danach fragt? Jemand von denen die Zugang zur breiten, inzwischen gut informierten Öffentlichkeit hat? Ich stelle diese Fragen aus dem Grund weil es speziell unter den ehem. Bräunsdorfern auffällig ausgeprägtes Schönreden, Verharmlosen und eine gelebtes Bündnis der Verschwiegenheit unter uns ehem Zöglinen und dem damaligem Personal gibt, die seinesgleichen sucht.
      Ja, uns. Ich habe also mir während meiner 2½ Jahre in den 1980iger Jahren nur eingebildet von sogenannten Pädagogen Dresche einstecken müssen, von Tritten in den Körper dass ich dankbar war wenn ich endlich zusammenbrechend zu Boden fiel, wimmernd vor Schmerzen der Tritte gegen den Oberkörper, Nase blutend noch Luft holen konnte, so leise dass ich niemanden störe? Heute vielleicht dafür dankbar sein sollte noch 25% Prozent Sehkraft auf dem rechten Auge zu haben? Jeder weiß es das es Tagesordnung war dass die Damen und Herren „Erzieher“und Lehrer wenigstens einen in jedem Haus gegriffen haben, manche davon ihren Spaß daran kaum verbergen konnten wenn sich gerade die kleinen vor Angst eingepasst hatten. Gar nicht verbergen wollten zum Teil? Nicht alle vom Personal, doch einige und von einigen auch mal ein kleines Bengelchen auf dem Schoß genommen und der fette alte Sack sich erquickte mit ekelhafter Gier im Blick und driefens die Sabber an den Mundwinkeln. Jeder weiß es, jeder. Wenn man dann vielleicht noch ohne Erlaubnis auf Toilette ging.
      In genau dieser Arrestzettel ist man gelandet. Und du willst die nicht gesehen haben obwohl du nach eigener Angabe das doppelte an Jahren untergebracht warst? Die Sache mit dem offenen Fenster und der Junge der heraus gefallen sein will?) sorry, aber dann ist bei dir was nicht richtig im Kopf.
      Deutlicher gesagt und reduziert auf einen Satz: wer weiter seine Augen verschließt, wissend das in Bräunsdorf Kinder/Jugendliche drangsaliert, erniedrigt, gedemütigt, gebrochen, missbraucht wurden und ihre Unversehrtheit körperlich wie seelisch lassen mussten… wer nicht beiträgt all das offen zu legen ist Mittäter. Ist mitschuldig.

    3. doch gab es ich war zwei Jahre dort ….war in dieser zelle 1 mal für zwei Tage wegen schlechten benehmen….mein freund der über 10 jahre dort war wahr 5 mal drin weil er abgehauen war….ich war auch in der zeit dort wo einer aus dem fenster gesprungen ist weil er es nicht mehr aus halten konnte…er war glaube ich schon länger dort…er wollte einfach nicht mehr leben

      1. achso mein freund der dort war hies robby kluge…unsere Erziehering war Frau höck…. wenn du das liest melde dich mal

      2. Schrecklich! Ist dieser Junge dann verstorben?

  2. Lieber Herr Meyer

    Was sagen sie denn zu dem Foto, auf dem eine Zelle zu sehen ist? Besen wurden da drinnen bestimmt nicht eingeschlossen. Und dieses Bild ist aus Bräunsdorf. Was genau dort passierte, sind meinerseits Mutmaßungen. Wie eine Zelle sieht es aber aus und die Schlussfolgerungen logisch.

    1. Es gab sehr wohl Arrestzellen da. Ich war drei Jahre da und durfte auch für drei Tage in die Zelle. Übrigens nannten wir sie Bunker. Jede der drei Abteilungen hatte einen Bunker. Der Bunker auf dem Bild, befand sich im Haus eins. Ich war in Haus drei und da befand sich der Bunker unten im Gewölbekeller.

  3. Mal wieder tolle Fotos Mario, trotz des traurigen Ortes, kommt die Mystik voll zur Geltung 🙂

  4. In Haus1 hatte ich als Kind mal eine Zelle gesehen. Ich war von 74-76 im Haus1 Gruppe2. Aber so Horrorlastig wie es manchmal dargestellt wird,war es nun wirklich nicht. Ich hab schon schlimmeres erlebt.

  5. Hallo zusammen, welches der 2 gebäude ist denn das gebäude 2? ich war auf motivsuche, die zelle unterm dach habe ich nicht gefunden….

    vielen dank für eure hilfe….

  6. Hallo ja es gab eine Zelle im Haus 2 den ich hab selber einmal essen mit Herrn Marks hin bringen müssen

    1. Hallo . Ich war auch im Haus 3 zu der Zeit als wir Nachts aus den Betten gerissen wurden weil der Dachstuhl brannte . Die Zeit danach war übel weil wir in einem riesen Raum untergebracht waren wo keine Heizung war . Ich glaube im Haus eins unterm Dach . Erzieher gabs nur ein paar gute . Kann mich noch an Herrn Wolf aus dem Haus zwei erinnern mit dem Namen . Wir hatten einen großen alten der gern mal zuschlug . Wegen ihm durfte ich mit ende der 7 Klasse da raus weil er mich körperlich mißhandelt hat und es nicht an die Öffentlichkeit sollte . Hatten Angst das es an die große Glocke gehangen wird wenn die mich nicht gehen lassen . Ich war so um 84 -86 glaube da .

  7. mario schallenberg

    hallo

    auch ich war von 1977 bis 1980 dort ich suche ehemalige zum austauschen. in gewisse foren lasen die mich nicht .

  8. Du warst 6 Jahre in Bräunsdorf und willst nichts von einer Arrestzelle wissen???
    Muss dann wohl ein anderes Bräunsdorf sein, vllt. das bei Limbach Oberfrohna.
    In Bräunsdorf gab es sogar 2 Arrestzellen, eine im Haus 2 und eine in Haus 3. Im Haus 3 befand sie sich im Keller. Durfte persönlich 2mal in dieser Zelle einsitzen.
    Von Schlägen, Demütigungen und Sexuellem Missbrauch weißt du dann bestimmt auch nichts????

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