Erinnerungen an das Kindersanatorium Schloss Hirschstein

Vor kurzem bin ich auf das Gästebuch von Schloss Hirschstein gestoßen. In diesem wurden Erinnerungen von ehemaligen Kindern und Jugendlichen hinterlassen, die damals diese Einrichtung besuchten, als Schloss Hirschstein noch als Kindersanatorium fungierte.

Schloss Hirschstein hat dahingehend eine große Bedeutung für diese sogenannten Kureinrichtungen in der DDR. Nach dem Krieg, ab 1949, wird das Schloss als Kindererholungsheim durch die Volkssolidarität genutzt. Ab 1956 wird das Schloss als Kindersanatorium für Kinder mit Enuresis geführt. Nach der Wiedervereinigung wird 1990 Eigentümer und Träger das Landratsamt Riesa-Großenhain und Schloss Hirschstein wird als Klinik für psychosomatisch erkrankte Kinder und Jugendliche aufgeführt.

2006 schließt die Einrichtung an dem per Erbpachtvertrag im Jahr 2000 übergegangenen Träger der Rehabilitationsklinik für Kinder und Jugendliche – den Verein Rehaklinik e.V.

Ein halbes Jahrhundert über war Schloss Hirschstein eine Kureinrichtung für Kinder mit seelischen Problematiken. Nach dem ich mich in das Thema eingelesen hatte, stieß ich auf das Thema der sogenannten Verschickungskinder und welches seelische Leid diese in jenen Einrichtungen erlebt haben. Dabei handelt sich jedoch um die Einrichtungen in der ehemaligen BRD. Aus den DDR-Kurheimen hingegen gibt es noch sehr wenige Erfahrungsberichte in dieser negativen Form, sind aber trotzdem nicht auszuschließen.

So gründete sich 2019 der Verein Aufarbeitung und Erforschung Kinderverschickung e.V. Seit dem erforscht und erarbeitet dieses Aktionsbündnis das Geschehen um die sogenannten Verschickungskinder, wie erwähnt mit dem Schwerpunkt auf ehemalige Einrichtungen in der BRD. Viele Erfahrungsberichte sind auf der Internetseite einzusehen. Einige Dokumentationen über das Thema kann man sich z.b. auf Youtube ansehen.

Die Erfahrungsberichte aus dem Gästebuch von Schloss Hirschstein zeigen in ihrer Form fast das ganze Gegenteil. Die positiven Erinnerungen an den Aufenthalt, der meist 6-8 Wochen dauerte, ist allgegenwärtig. Ich habe einige dieser ehemaligen Kurbesucher angeschrieben und mit diesen teilweise telefoniert.

Blick von der Aussicht am Schloss Hirschstein auf Elbe und Umgebung

Und auch hier bestätigte sich, dass der Aufenthalt zwar anfänglich mit Heimweh einher ging, dieser aber durch das Personal und den alltäglichen Unternehmungen schnell positiv unterbunden wurde. Einige berichten von einer wunderschönen Zeit in einem großen Schloss mit toller Umgebung, an die sie sehr gern zurückdenken. Viele Freundschaften seien hier entstanden und auch die Therapien haben ihre Wirkung nicht verfehlt.

So schreibt z.b. ein ehemaliger Kurbesucher:

Beim kramen in alten Erinnerungen stieß ich auch aus Episoden meines Lebens im Schloss Neuhirschstein. Der Blick aus unserem Dachfenster auf die Elbe, wenn die majestätischen Elb-Raddampfer vorbeizogen und Elbe und das stolze weise Schiff in der Sonne glänzten.Unvergessliche Augenblicke, die prägten.
6 Wochen Kinder-Kur im Sommer 1964, 6 Wochen mit Freunden und Freundschaften, lernen in einer Schloss-Schule, Unbekümmertheit, Spiele im Schlosspark und meine erste Liebe meiner doch eher traurigen Kindheit. Inge aus Merseburg!
Alle anderen Namen sind im Dschungel der Vergessenheit verloren.
Die Tage, Monate und Jahre zogen dahin und wir entwickelten uns zu Persönlichkeiten und lernten unser leben zu meistern.
Auch unser altes Schloss Neuhirschstein hat sich gemausert und ist zu einem schmucken Juwel mutiert. Schön anzusehen und Stolz, präsent auf seinem Felsen an der Elbe. Der Kreis schließt sich!
Gern würde ich mir alles noch mal aus der Nähe ansehen, Schloss, Schlosspark und Ort. Es wird Zeit und die Zeit drängt. Die Zeit wird kommen und ich werde da sein.
Mit den allerbesten Grüßen!

Ich habe versucht, mit diesen ehemaligen Kurbesucher Kontakt aufzunehmen. Gern hätte ich mehr über seinen Aufenthalt im Kinderkurheim erfahren. Leider wurde mir mitgeteilt, dass er mittlerweile verstorben ist. Und nachdem ich mir seinen Kommentar nochmals durchgelesen habe, hätte ich es das auch erahnen können. Denn die Zeit, sie drängte, um Schloss Hirschstein noch einmal abschließend zu besuchen. Aber so ist die Zeit hier auf Erden. Sie ist begrenzt und niemand kann diesen Rhythmus aufhalten. Ich hoffe jedoch, dass dieser Mensch seinen Wunsch noch erfüllen konnte und das seine Zeit für einen Besuch gereicht hat.


Aus einem Telefonat mit einer damaligen Kurbesucherin erhielt ich ähnliche Informationen. Ein Blick aus einem großen Fenster des Schlosses auf die winterliche Landschaft, während Eisschollen auf der Elbe an Hirschstein vorbeizogen, blieb in lebhafter Erinnerung. Auch die Ausflüge in die naheliegende Umgebung wurde mit positiven Erfahrungen bezeugt. Im Schloss selbst waren die Kinder und Jugendlichen in Gruppen aufgeteilt. Die Schlafräume waren groß und es gab bei den Lichtspielen durch die großen Fenster den ein oder anderen Gruselmoment. Was man sich selbst natürlich in einem alten Schloss sehr gut vorstellen kann.

Zum Abschluss möchte ich noch dazu sagen, dass ich unser Elbtal hier in der Umgebung zwischen Sächsischer Schweiz, Dresden, Meißen, Riesa etc. auch immer sehr beeindruckend finde und vor allem vielseitig sehe. Wie sich die Städte, Burgen, Schlösser und Kirchen wie in Zehren harmonisch ins Landschaftsbild einfügen und wie vielseitig die Natur hier ist. Natürlich sollte man bei den Schwärmereien nicht vergessen, dass es in DDR-Zeiten auch andere Einrichtungen wie die Umerziehungsheime gab, aus denen weniger positive Berichte vernommen werden. Sicher war auch in den DDR-Kurheimen nicht immer alles Gold was glänzt, aber die positiven Berichte aus dem Gästebuch und den Gesprächen haben mich dazu veranlasst, diesen positiven Bericht zu schreiben.

Fotoeindrücke von Schloss Hirschstein und Umgebung heute:




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4 Kommentare

  1. Gut recherchierter Beitrag, weiter so❣

  2. Zum Beitrag Neuhirschstein
    Ich war dort als 13jaehriger zur Heilung. Es waren wunderschöne Wochen fuer mich und die Therapie war erfolgreich. Ich erinnere mich gerne an viele schöne und lustige Erlebnisse. Ich habe auch sehr positive Erinnerungen an die sehr netten Erzieherinnen, Erzieher und dem damaligen
    Leiter Herr Kunze. Und dann war da noch der Hausmeister mit seiner MZ ES 250, damals das
    Motorrad meiner Jugendtraeume.
    Also ein sehr realistischer Beitrag über den ich mich sehr freue.

    1. Und auch ich war in Neuhirschstein, Ende der 60-ziger Jahre. Kann mich den positiven Berichten nur anschließen, des alles waren die 2 schönsten Monate meiner Kindheit <3

  3. Ich war ebenfalls in Hirschstein zur Kur im Jahr 1994. Ich war damals 8 Jahre alt und war die jüngste in diesem Durchgang. Das Heimweh war gross aber dennoch kann ich nichts negatives über meinen damaligen Kuraufenthalt berichten. Die Erzieher gaben sich alle viel Mühe. Vor ein paar Tagen hab ich das Schloss nach all den Jahren wieder besucht… es waren absolute Gänsehautmomente!

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