Ein winterlicher Ausflug auf die Festung Königstein

rotkäppchen

Ein Erlebnis der besonderen Art war ein kleiner Ausflug am Mittwoch den 17.2.2016 auf die Festung Königstein mit meinem Freund Tom. Die Tour sollte keine Extremwanderung werden und wir wollten von Meißen mit der Bahn (S1) bis nach Königstein fahren und dort die Festung besuchen. Natürlich zu Fuß. Bevor es los ging, hab ich ein wenig die Wettersituation auf dem Wetterradar verfolgt. Dort schien, als würde demnächst extrem viel Schnee in kurzer Zeit in unserem Wandergebiet fallen.

Als wir in Meißen los fuhren, war von Schnee und Winter weit und breit keine Spur. Auch Tom und seine vielleicht neue Freundin waren eher auf eine nicht winterliche Tour eingestellt, zumindest was das Schuhwerk so andeutete. Ich hingegen hab die alten Treter aus Gruftizeiten herausgeholt. Das sind knapp 20 Jahre alte 14-Loch-Springerstiefel. Die sind einfach nicht kaputt zu kriegen.

Und ich sollte die alten Treter auch brauchen. Da wir in Pirna in den Bus umsteigen mussten, weil Schienenersatzverkehr war, konnte man ab Sonnenstein beobachten, wie der Schnee immer mehr fiel und auch liegen blieb. In Königstein angekommen, fielen uns Flocken so groß wie Cornflakes in großer Menge auf den Kopf. Somit hatte ich Recht behalten und meine Wetterprognose stimmte dieses Mal.

Das erste Problem war aber nicht der Schnee, sondern ein viel viel größeres. Tom, der Raucher ist, hatte vergessen, sich Zigaretten zu holen und wollte das in Königstein nachholen. Ein wirklich nicht zu unterschätzendes Problem, denn hier scheinen die Uhren anders zu ticken. Überhaupt schien die Stadt wie ausgestorben. Das Wetter unterstützte die beklemmende Stimmung. Zwei ältere Herren stehen geschützt unter einem Hauseingang, welche von Tom angesprochen werden: „Guten Tag. Wo kann ich hier Zigaretten kaufen?“. Ohhhh, erwidert einer von den Herren. Schon der Ausdruck verrät, dass es schwierig zu seien scheint, hier irgendwo etwas einzukaufen: „Schaut mal um die Ecke. Wenn ihr Glück habt, hat dort ein Laden auf“. Ich fragte bei den Herren nach, wie es denn sein kann, dass zum Mittwochnachmittag hier alle Läden zu haben, trotz das die Öffnungszeiten eigentlich etwas anderes sagen. Das wäre hier normal und die Öffnungszeiten richten sich nach Saison und Bedarf. Nun gut, klingt nicht schlecht, nur woher weiß ich als Ladenbesitzer, wann Bedarf besteht? Na ja, was solls. Tom hatte natürlich Pech. Der Laden um die Ecke war zu. Ich glaube drei Zigaretten zierten seine Schachtel noch. Ein böses Spiel für einen Raucher.

Wir beginnen mit dem Aufstieg auf die Festung Königstein. Die Wandertafel zeigt ungefähr eine Dreiviertelstunde Fußmarsch, was für geübte Wanderer normalerweise in keinster Weise stimmen kann. Bei dem Wetter kommt das aber hin. Es schneit immer noch. Die Wege und der Wald sind hier in der ersten Hälfte schon mit einer kompletten Schneeschicht überzogen. Oberhalb im Wald ziehen Wolken durch die Wipfel der Bäume und machen somit die mystische Winterlandschaft komplett.

Der Anstieg wird kurz unterbrochen durch eine Ebene, auf der ein Wohngebäude und eine Ferienwohnung steht. Es schneit und am Fenster im obersten Stock des Wohnhauses sitzt eine Katze hinterm Fenster und schaut gespannt auf uns hinab. Den Kater kenne ich doch. Im Jahr 2014, genau genommen am 15.7.2014, lümmelte der schon etwas in die Jahre gekommene Kater direkt am Weg auf einer Mauer und genoss das herrliche Sommerwetter. Schön, dass es ihn noch gibt. Diesmal konnte ich leider kein Foto von ihm machen. Das Fenster spiegelte zu sehr und ich hatte mein Teleobjektiv nicht dabei.

Der restliche Anstieg ist weniger steil. Hier auf dieser Strecke entsteht das „Rotkäppchen-Bild“ mit den Kindern von Tom´s Vielleicht-Freundin. Hier im Wald liegt nun noch mehr Schnee. Tief verträumt liegt uns der Wald, welcher rings um die Festung Königstein wohnt, zu Füßen und bietet uns eine sagenhafte Winterlandschaft. Nun ist es auch nicht mehr weit bis zur Festung.

Vor dem Eingang zur Festung ergibt sich das gleiche Bild wie unten in der Stadt. Kein Mensch ist weit und breit zu sehen. Der Panoramalift ist außer Betrieb und wir gehen zur Kasse. Auf dem Weg dorthin fällt uns etwas ganz besonders auf und zwar ein alter roter Bus. Er wartet wohl auf Gäste. Es gibt ja einige private Anbieter, die Touristen auf die Festung hoch und auch wieder runter fahren. Ganz allein und verlassen steht der Bus in dieser bedrückenden, farblosen Winterlandschaft. Ein fantastisches Bild.

Zähneknirschend zahlen wir den Preis von 28 Euro für drei Erwachsene und zwei Kinder für den Eintritt auf die Festung Königstein. Mit dem Fahrstuhl geht es nun zu unserem heutigen Ziel. Oben angekommen: Schnee! Noch mehr als unterhalb der Festung. Was paar Meter aus so machen. Der Blick in die Ferne und ins Tal ist gleich Null. Dicke Wolken und Nebel verhindern den Blick über das Sächsische Elbsandsteingebirge. Aber das ist gar nicht so schlimm. Die Festung Königstein im Schneegewand sieht man ja nun nicht alle Tage. Bei schönem Wetter war man oft genug hier.

Trotz Schneefall, der hier an den Felswänden der Festung von unten nach oben zu fallen scheint, machen wir uns auf, um den Rundweg zu wandern. Manchmal gibt die festhängende Wolkendecke einen Blick ins Tal frei. Ein unwirklicher, mystischer Anblick. Die Bäumen wirken wie dünne Zahnstocher von hier oben. Farbe ist in der trüben, grauen Landschaft nicht zu erkennen, die sehr schnell wieder durch dichten Dunst unsichtbar wird. Um Punkt 15 Uhr ertönen Sirenen durch das unsichtbare Elbtal der Sächsischen Schweiz. Es ist der Probealarm, der Mittwoch ertönt, um die Funktionsfähigkeit der Sirenen zu überprüfen, die im Katastrophenfall die Bevölkerung warnen sollen. Dieser Ton ist bedrückend in Verbindung mit dem tristen Grau und der geringen Sichtweite. Wie sich wohl die Menschen in den Städten fühlten, als Bomber unsichtbar über ihren Köpfen Bomben abwarfen und dazu diese Sirenen und dieser grausame, pfeifende Ton? Ein Wunder, dass wir noch immer nicht alle Pazifisten sind und diese Bezeichnung fast abwertend ideologisiert wurde.

Wir müssen einer kleinen Baustelle ausweichen und kommen so in ein Waldstück, was direkt an den Rundweg der Festung grenzt. Große Bäume ragen ihr in die neblige Luft. Die Stimmung wäre perfekt, um einen Gruselfilm zu drehen.

So langsam werden die Kinder von Toms Vielleicht-Freundin quengelig. Das kann man ihnen nicht verübeln. Es weht ein eisiger Wind, der so langsam unter die Jacken kriecht. Genau wie der Schnee, der sich sicher auch einen Weg in so manchen Halbschuh gesucht hat und dort drinnen nasse Füße verursacht. Wir beschließen daher, beim „Zum Musketier“ einzukehren. Die Bude ist gerammelt voll. Die typischen Geräusche einer Gastronomie fahren hier einen in die Ohren. Biergläser, die beim Abstellen dieses dumpfe Geräusch auf den Tischen hinterlassen. Oder das Besteck, was hinten in der Küche zusammengetragen und auf einen Teller geräumt wird. Dazu die Wortfetzen von Gesprächen, die man so einzeln von jedem Tisch mitbekommt. Es riecht hier drinnen nach kaltem Rauch. Ein großer Kamin, der in der Mitte der wunderschön auf Mittelalter gestalteten Einrichtung steht, wird der Grund dafür sein. Er ist aber gerade nicht in Betrieb. Es ist ist trotzdem wohlig warm und die Kinder genießen förmlich diese wohltuende Wärme.

Tom und Ich bestellen uns ein Bier. Vielleicht-Freundin und Kinder eine heiße Schokolade. Die heiße Schoki ist so begehrt, dass sie nicht lange in den Tassen verweilt und die Kleinste von allen mit einem riesengroßen Schokoring um den Mund als erste fertig ist. Die Große, wobei mit 12 Jahren groß nur auf die jüngere Schwester gemünzt ist, hat Hunger und holt sich Nudeln mit Tomatensoße und Käse. Als das die kleine Schwester sieht, hat diese plötzlich auch Hunger auf Nudeln mit Tomatensoße und Käse. Das war so klar 🙂

Tom hat übrigens immer noch keine Zigaretten kaufen können. Die übrigen drei vom Aufstieg sind längst alle. Doch überall wo er Leute trifft und er diese nett fragt, ob es hier irgendwo Zigaretten zu kaufen gäbe und diese Nein erwidern, bekommt er eine Zigarette von diesen Leuten geschenkt, obwohl er sie immer bezahlen möchte. Das war einmal beim Aufzugwärter der die Eintrittskarten kontrolliert und eben gerade hier im Musketier, wo die netten Damen beim Ausschank zwar Zigaretten hatten, diese aber verschlossen seien. Was das zu bedeuten hatte, haben wir nicht erfahren. Jetzt wird es aber Zeit zu gehen. Wir lassen ein paar Postkarten aus Meißen von mir da und begeben uns auf den Rückweg.

Es hat aufgehört zu schneien. Der Schnee ist ziemlich nass und die Temperatur scheint etwas gestiegen. An einen freie Sicht ins Tal ist jedoch immer noch nicht zu denken. Es wird schon etwas düster und wir beginnen mit dem Abstieg. Tom holt sich vorher endlich seine Zigaretten. Direkt neben dem roten Bus, der nun nicht mehr da ist, steht nämlich ein Zigarettenautomat.

Der Abstieg gestaltet sich schwieriger, als der Aufstieg. Wir gehen nicht denselben Weg, wie wir hoch gekommen sind. Das Wetter gibt immer mehr Sicht frei und es scheint, als käme gleich die Abendsonne etwas durch. Doch die hat keine Chance mehr. Es ist zu spät und 20 Minuten später bannt sich schon die blaue Stunde an. Wir sind dabei auf den letzten Metern nach Königstein Stadt. Doch diese paar Meter gestalten sich schwierig. Der Schnee taut und es entsteht ein rutschiger Matsch, der uns nur langsam vorwärts bringen lässt. Dann haben wir es geschafft und wir sind im Tal angekommen. Hier ist der Schnee stark am tauen und dicke Tautropfen fallen von den Bäumen. Die letzte Station ist die Bushaltestelle in Königstein. Tom meint, wir haben noch eine halbe Stunde Zeit, bis der Schienenersatzbus nach Pirna fährt. Ein kleiner China-Imbiss steht direkt vorm bekannten Kaffeehaus Königstein. Dort drinnen wollen wir die Zeit bis zur Ankunft des Busses verbringen und geraten dort in so etwas wie eine Dorfkneipe, wo sich Handwerker und männliche, ledige Rentner zum Feierabendbier treffen, wobei ich mir sicher bin, dass es bei manchen das ein oder andere Feierabendbier schon zum Frühstück oder Mittag gab.

Mir gefällt die Absteige nicht. Im Kreis stehen Stühle, die fast alle besetzt sind. An der Wand hängt ein Bildschirm, der gerade zeigt, wie wenig interessant Biathlon ist und das der deutsche Teilnehmer auch wenig Lust auf eine Medaille hat. Und wir stehen mittendrin. Die Gespräche die dort geführt werden, sind alltäglich. Der tägliche Wahnsinn auf Baustellen und wie unfair die Welt doch ist. Heute sage ich gerne zu solchen Leuten, dass sie täglich schimpfen, aber niemand den Mut hat, auch nur irgendetwas daran zu ändern. Ich war auch jahrelang auf dem Bau. Und ja, es ist ein scheiß Job, der nicht angemessen entlohnt und gewürdigt wird, obwohl er mehr gebraucht wird, als tausende Versicherungsvertreter, Börsenmakler oder andere sinnfreie Anstellungen, die nur dazu dienen, die Leute zu veralbern und ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Aber bitte schimpft nicht hinterrücks, dass umsonst Überstunden gemacht werden müssen, dass Gehalt nicht angemessen ist oder der Chef allgemein sich für eure Belange nicht interessiert und geht früh morgens wieder zu ihm mit einem falschen Lächeln ins Büro und sagt wieder einmal zu allem ja und amen.

Die halbe Stunde ist fast um und wir machen uns auf den kurzen Weg zur Bushaltestelle. Wir warten und warten, aber weit und breit ist kein Bus zu sehen. „Hast du richtig nachgesehen, frage ich Tom“ – der daraufhin sehr glaubwürdig mit einem „Ja“ antwortet. Nach ein paar Minuten Überfälligkeit des Busses, schauen wir noch mal nach und stellen fest, dass Tom doch nicht richtig nachgesehen hatte. Dann müsste ja gleich der Zug fahren. Denn der Takt ist so eingerichtet, dass immer ein Zug nur bis Pirna fährt und der nächste bis Schöna und zwischendrin eben der Schienenersatz bis Pirna und umgekehrt. Jetzt aber schnell. Aber wir haben Glück. In ein paar Minuten soll der Zug abfahren. Es ist schon stockdunkel. Die Festung Königstein ist vom Gleis aus gut zu sehen. Sie ist beleuchtet und die eine Hälfte steckt immer noch im Nebel. Es liegt kaum noch Schnee, welcher sich bis ungefähr in Pirna komplett verflüchtigt haben wird. Was für ein Tag!

Bedanken möchte ich mich hier noch mal ganz herzlich bei Tom für die Einladung!

(Diese gif ist ein animiertes Bild. Bitte anklicken, um es anzusehen)

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