Lost Places Sachsen: Ein einst wunderschöner Gasthof steht kurz vor seinem Ende

„Weihnachten 1981

Liebe Elfriede, lieber Ernst

Wir wünschen Euch ein recht frohes und geruhsames Weihnachtsfest und für das Neue Jahr alles erdenklich Gute. Wie geht es Euch gesundheitlich? Habt ihr den Gasthof noch in Betrieb? Vielleicht klappt es 1982 wieder einmal mit einem Besuch. Es grüßen Euch ganz herzlich Waltraud und Alfred“

Der große Saal

Diese Zeilen gingen zu Weihnachten 1981 per Postkarte an die Besitzer des Gasthofes. Ich habe die Namen natürlich geändert. Ob diese Menschen noch leben? Wie würden Sie reagieren, wenn sie ihren Gasthof so sehen könnten?

Ich würde ihnen diesen Anblick ersparen und erklären, dass solche liebevoll gestalteten und geführten Dinge heute keinen Wert mehr haben. Das Stil und Charme immer mehr dem Gedanken der Einfachheit wegen weichen müssen. Das Facebook und Co. das soziale Miteinader ersetzen und das Gefühl und der Blick für schöne Dinge immer mehr durch zu viel Quantität und Masse getrübt werden.

Ich kann es wirklich nicht verstehen. Schaut Euch diesen knapp 200 Jahre alten Saal mit seinen Stuckverzierungen an. Der ist kurz vorm Einstürzen. Der ist bald weg und für immer verschwunden. Das Problem an der Misere ist ja, dass so etwas heute gar nicht mehr gebaut wird. Wisst ihr wie so etwas heute aussehen würde? Glatte und einheitlich gehaltene Wände und Decken, ohne jeglichen Anspruch an Stil und Gestaltung.

Aber wie sagt man heute immer so schön? Man solle nicht zurückschauen und nicht alten Dingen hinterher trauern. Ich finde, dieser Satz sollte mit großer Vorsicht gesagt oder niedergeschrieben werden. Warum sollte jemand nicht Dingen hinterher trauern, weil er diese Zeit mit positiven Gefühlen und Erlebnissen verbindet?

Für mich bedeutet dieser Satz nur, man solle das Neue immer mit offenen Armen begrüßen und auf keinen Fall kritisieren. Wir sollen alles nur hinnehmen und toll finden und auf keinen Fall zurück schauen auf Dinge, die unsere schnelllebige und gierige Zeit verdrängt haben. Und bitte versteht mich jetzt nicht falsch. Es geht mir um alltägliche Dinge. Zum Beispiel wie meine Umgebung auf mich wirkt. Ich denke, viele vergessen, dass Stil und Charme in Architektur und Gestaltung von Räumen einen enormen Mehrwert für das Wohlbefinden haben.

Ich finde es zum Beispiel extrem beängstigend, wenn ich heutige Krankenhäuser und ihre schlichte Gestaltung sehe. Ich denke, ein Krankenhaus ist ein Ort der Genesung und Fürsorge. Dort möchte ich doch nicht das Gefühl von Schlichtheit in Beton oder Platten erleben. Diese sterile Abgeklärtheit empfinde ich als sehr bedrückend, spiegelt meiner Meinung aber leider die heutige Zeit gut wieder. Steril, kühl und abgeklärt.

Genau deshalb zerfällt so ein Gebäude wie dieser Gasthof und viele andere auch. Man sieht das Gebäude nur als Zweck, nicht als Sache, die außerhalb von Gewinn einen Mehrwert schafft. Ich möchte damit nicht sagen, dass Geld und Geldverdienen von Grund auf etwas Schlechtes ist. Doch sollte man sich von dem Gedanken lösen, nur einen Wert in etwas zu sehen, wenn etwas Geld erwirtschaftet. Ich habe es in meiner Anfangszeit der Fotografie selbst erlebt. Deine Fotos sind zwar schön, aber du verdienst kein Geld damit und liegst somit anderen auf der Tasche.

Diese Denkweise ist allgegenwärtig. Auch dieser Gasthof war mal schön, hat aber irgendwann kein Geld mehr abgeworfen, weil sich die Zeiten geändert haben. Aber das sich die Zeiten verändern ist nicht die Schuld der Besitzer solcher Gasthöfe. Digitalisierung und Fortschritt, was nicht immer ein Fortschritt für die Menschheit sein muss, zerstören und zerstörten zum Teil viele Existenzen. Es ist aber auch nicht die Schuld der großen Köpfe wie Mark Zuckerberg. Er ermöglicht auch viele neue Chancen und schafft damit neue Existenzen.

Es ist aber trotzdem so wie es ist. Verdiene ich kein Geld mit meiner Fotografie, gibt es keine schönen Fotos mehr. Denn nur vom Anschauen der schönen Bilder wird kein Fotograf oder anderer Künstler satt. Und dennoch schaffen schöne Bilder einen Mehrwert. Sie sind ja zum angucken da.

Das Fazit von der Geschicht: Facebook hat nicht nur den Gasthof ersetzt, sondern auch das Wohnzimmer und die Kunstgalerie. Zu jeden Fotografen gibt es eine Facebookseite. Es gibt Millionen schöne Fotos und Kunstwerke in Facebook und dem Internet allgemein, die sich jeder ansehen und sich daran erfreuen kann. Nur hat das alles keinen Wert. Ich und der Gasthof werden nur daran gemessen, wie viel Geld wir verdienen. Wenn wir kein Geld verdienen, sind wir auch nichts wert und werden vergessen.

Ein Kommentar auch kommentieren

  1. Sigfried Schreiber sagt:

    Sieht wirklich so aus, als wäre das mal…naja schon fast prunkvoll gewesen.
    Wirklich schöne Bilder.
    Kann man den ohne Probleme selber mal anschauen?
    LG
    SAS

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