Die Weggesperrten – ein Buch über Umerziehungsheime in der DDR

Damals, als wir unwissend um das Geschehen in der DDR das ehemalige Umerziehungsheim in Bräunsdorf erkundeten, war die Atmosphäre erdrückend düster. Natürlich spielte das graue und nebelige Herbstwetter eine gewisse Rolle, aber da war auch noch etwas anderes.

Nachdem wir intensiv das alte und verlassene Grundstück des Kinderheims erkundet hatten, dabei fanden wir auch eine Arrestzelle vor, haben wir uns natürlich intensiv mit der Geschichte des Gebäudes beschäftigt. Da das Wort Kinderheim allgemein versucht positiv zu wirken, kam nach eigener Recherche das Wort Umerziehungslager hinzu, welches auch passend zur Arrestzelle die Frage über ihr bestehen in Luft auflöste.

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Bräunsdorf – Rauchen Verboten


Die DDR, oder besser gesagt die Jugendhilfe der DDR, eine Organisation, die dem Ministerium für Volksbildung unterstand und von 1963 bis 1989 von Margot Honecker geleitet wurde, nannte diese Heime unter anderem Jugendwerkhof, Spezialheim oder Erziehungsheim. Die Umerziehung stand dennoch an oberster Stelle und laut Erfahrungsberichten, die in dem Buch „Die Weggesperrten“ viel Platz finden, wurde das nicht nur mit gutem Zureden oder mit psychologischer Präzession auf die einzelne Person versucht.

Militärischer Drill, Kollektivstrafen und Missbrauch waren keine Seltenheit und fast schon Alltag in den Heimen. Die Einweisungsgründe waren vielseitig. Was wir aus den Erfahrungsberichten aber herauslesen konnten, so waren es vor allem Kinder, die nicht in das gesellschaftliche Bild des sozialistischen Ideal passten. Natürlich konnten das auch straffällige Jugendliche sein. Im Großen und Ganzen zeichnet sich aber ein Muster ab. Politische Unkorrektheit und Ungehorsam gegenüber den staatlichen Vorgaben und seinen Bediensteten, die diese Vorgaben ohne zu hinterfragen abarbeiteten und ausführten. Wer auffällig wurde, konnte auch schon mal auf offener Straße entführt und ohne zu Wissen was ihm geschieht in solch einem Heim landen.

Das Spezialkinderheim Bräunsdorf wird in dem Buch natürlich ebenso von einem Zeitzeugenbericht aufbereitet. Neben Bräunsdorf gibt es viele weitere Zeitzeugenberichte aus den verschiedensten Heimen, mit mehr oder weniger erschreckenden Erkenntnissen und Erlebnissen aus dieser Zeit.

Autoren: Grit Poppe, Niklas Poppe
Verlag: https://www.ullstein-buchverlage.de/

In eigener Sache und persönliche Wahrnehmungen

Was ich mich heute nach dem Buch und einigen Dokus frage, und das fragte z.b. auch der damalige in Torgau inhaftierte Andreas Freund in einer Doku: „Wie kann es sein, dass Misshandlungen und Folter, welche offensichtlich für viele Mitarbeiter waren, keine kritischen Stimmen erhielten.“

In dieser Doku, ich werde sie Euch hier ganz unten mit verlinken, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter: „Wenn mir ein Befehl gegeben wurde, habe ich diesen ausgeführt und dies würde ich auch heute noch so tun!“

Eine gefährliche Haltung, wie ich finde. Ungerechtigkeiten dürfen nicht mit Obrigkeitshörigkeit relativiert werden. Nein, sie werden nicht nur relativiert, sie werden bewusst missachtet und verschwiegen. Der Direktor des damaligen geschlossen Erziehungslagers in Torgau versuchte die Geschehnisse, oder auch besser gesagt die komplette Alltagsstruktur, schönzureden. Andreas Freund, der dem ehemaligen Direktor kritische Fragen stellte, versuchte die Ungehorsamkeit der Heimkinder als Schuldgrund zu etablieren. Sozusagen werden die Opfer zu Täter gemacht, da das Heimkind sich einfach nur hätte fügen müssen, dann wäre ja nichts Schlimmes passiert.

Diese diktatorische Struktur und armselige Haltung von Erziehern oder Heimleitern: du fügst Dich, oder wir brechen Dich, ob mit Gewalt oder psychischen Druck“ – sind einfach nicht hinzunehmen und immer zu verurteilen.

Und da wir gerade beim Thema sind, beleuchten wir gleich noch das Hier und Jetzt, denn auch heute gibt es noch Strukturen, die Misshandlungen begünstigen. Die Frage, wer kontrolliert die Kontrollierenden, ist nicht aus der Welt geschafft, wenn solche Geschehnisse wie in der DDR immer nur viele Jahre oder Jahrzehnte später aufgearbeitet werden.

Auch heute wird Macht missbraucht und Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene dadurch geschädigt, weil viele wegsehen oder dem Recht vertrauen, oder einfach nur in einer Abhängigkeit feststecken. Aber Recht und Ordnung sind nur eine Aussage. Wie es ausgelegt und einzeln angewandt wird, muss immer kritisch beleuchtet werden. Auch heute noch werden in vielen Einrichtungen Misshandlungen vertuscht, weil der Ruf dieser Einrichtungen nicht geschädigt werden soll. Wir kennen dieses Problem aus den kirchlichen Einrichtungen. Ich würde aber keineswegs behaupten, dass in jeder dieser Einrichtungen Kinder missbraucht wurden.

Aber ein Vertuschen über viele Jahre hinweg und eben nicht in nur einzelnen Fällen, macht das Problem weitaus größer, als dass es transparent aufgearbeitet wird. Es schützt vor allem die Täter und fordert noch viel mehr Opfer.

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