Das Wal-Drama vor der Insel Poel startet erneut in eine Phase der Hoffnung. Sie wird dabei abgelöst von der Phase von Wut, dem Hass und der Trauer. Schon wieder.
Voller Enthusiasmus und Hoffnung beobachten viele den Livestream auf News5. In verschiedenen Gruppen wird die Euphorie untereinander noch extremer aufgebauscht. Wann geht es endlich los? Wir können es gar nicht erwarten, dass Hope endlich frei kommt! Für viele ist der Wal schon gerettet.
Während der Wal regungslos im Wasser liegt und vermutlich nichts von dem ganzen Trubel mitbekommt, ist eine Nation total unter emotionaler Spannung. Dabei ist sie in einem auf und ab gefangen, was es so vorher sicher noch nicht gegeben hat.
Zumindest wird das von vielen Personen so gedacht. Es werden Schlafwachen abgehalten, damit dem Wal nichts passiert, er könnte ja irgendetwas injiziert bekommen, damit er schneller stirbt. Es werden positive Energien dem Wal zugesandt, viele haben den ganzen Tag den Livestream an und verfolgen das Geschehen mit ihren Kindern vom Sofa. Dabei wird jede Bewegung und Pusten mit einem Schimmer Hoffnung verknüpft und mit Gleichgesinnten geteilt.
Das hat natürlich enormen Einfluss auf die seelische Beschaffenheit dieser Menschen.
Somit wird eine eigene, emotionale Bindung zu dem Tier aufgebaut. Alles, was gegen eine Rettung spricht, wird völlig emotional als gegen unseren Wal gewertet. Wenn ich mir Herrn Backhaus vor der Kamera anschaue, der sich jetzt wieder für viele widersprüchlich verhalten wird, dann wird einem angst und bange. Dieser Mensch leidet selbst und man sieht ihm den Stress förmlich an.
Ich persönlich muss zugeben, ich habe mich in den letzten Tagen immer wieder mal neben der Arbeit mit dem Thema beschäftigt. Ich selbst gerate hier langsam in diesen Strudel aus Hoffnung und Hoffnungslosigkeit. Das geht halt an keinem Menschen einfach so spurlos vorbei. Ich sehe es jedoch nicht als sinnvoll an, sich immer aus irgendwelchen Nachrichten, oder sogar nur Kommentaren, einen Hoffnungsschimmer zu ziehen.
Die Kommunikation, dieses Auf und Ab, ist doch nicht gesund und vernebelt den realistischen Blick auf das Geschehen. Der Wal ist leider noch nicht annähernd gerettet. Das Konzept muss umgesetzt werden und auch funktionieren. Der Wal muss das Überleben. Ich finde es nicht sinnvoll zu sagen, Hauptsache er liegt dort nicht mehr herum und wenn er dann stirbt, ist das besser, weil er in seiner natürlichen Umgebung ist. Vielleicht weiß der Wal, dass er stirbt? Wir wissen nicht, was er fühlt und denkt. Wir können ihn auch nicht fragen, was er selbst will.
Der Mensch glaubt immer zu Wissen, aber gerade in der wilden Natur gelten simple Gesetze. Die gefallen uns moralisch natürlich nicht, jedoch funktionieren diese seit eh und je in einem bewährten Kreislauf.
Ich frage mich dann aber immer wieder, was hat sich die wilde Natur mit dem Menschen gedacht, der ja aus ihr entstanden ist. Hat sie uns geschaffen, um zu prüfen oder zu mahnen? Sie hat uns auf jeden Fall ein Gehirn gegeben, um komplexer zu denken. Aber vielleicht sind wir auch nur eine Laune der Natur, ohne große Beweggründe. Das komplexe Denken steht ja auch vor der Profitgier und Machtbesessenheit. Die heutige Zeit zeigt uns das ganz besonders. Aus Profitgier wird Nachdenken und rationales Handeln eher zum Feind.
Tiere werden selektiert nach dem Aussehen und ihrer Größe. Will ein Tier uns was wegnehmen, wie Schafe oder Kühe von der Weide und von unserem Brot, wird es ebenso emotionalisiert aufgeladen und soll am liebsten wieder totgeschossen werden. Wir widersprechen uns, ich nehme mich dabei nicht aus, jeden Tag, in dem wir unseren Alltag bewältigen. Das komplexe Dasein frisst uns und unsere Natur Stück für Stück auf. Der Buckelwal zeigt uns diese Misere ganz gut. Wenn hier ein Umdenken stattfinden würde, wäre der ganze Aufwand wirklich sinnvoll. Aber ich bezweifle das.
Wir machen weiter wie bisher. Wir verstecken uns in unserem Alltag und lassen die Natur weiter links liegen. Bis wieder mal etwas emotional durch die Presse aufgeladen wird und unsere Tränen kullern. Was ich verstehen kann. Es zeigt auch auf, dass wir doch fühlende Lebewesen sind. Nur wenn wir dann wieder selektieren und uns alles am Hintern vorbeigeht, weil es unser Wohlstanddasein gefährdet, obwohl wir mit allem fett gefressen sind, ist wieder Schluss damit. Und das ist ebenso traurig.
Ich drücke aber trotzdem alle Daumen, dass unser Wal es schafft!