Der Nebelwanderer

Ich habe mir für diese feine Lyrik von Hermann Hesse ein passendes Bild herausgesucht und es den Nebelwanderer genannt. Das aber nur zum Einstand zu diesem Nebel-Blog.

Der Nebel
von Hermann Hesse

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Einsam ist jeder Busch und Stein,
Kein Baum sieht den anderen,
Jeder ist allein.

Voll von Freunden war mir die Welt,
Als noch mein Leben licht war;
Nun, da der Nebel fällt,
Ist keiner mehr sichtbar.

Wahrlich, keiner ist weise,
Der nicht das Dunkel kennt,
Das unentrinnbar und leise
Von allem ihn trennt.

Seltsam, im Nebel zu wandern!
Leben ist Einsamsein.
Kein Mensch kennt den andern,
Jeder ist allein.


Wenn die Tage im Herbst kürzer, und die Nächte kühler werden, dann kann es passieren, dass das Elbtal beim Erwachen in einem dichten Nebelfeld gekleidet vor uns liegt. Das mystisch anmutende Naturschauspiel ist gerade in Verbindung mit der Elbe und Albrechtsburg sehr interessant für  uns Fotografen, aber leider in dieser Form äußerst selten, da der Nebel kaum auf die Albrechtsburg und die Stadt trifft und sich meist zwischen den Elbhängen bei Siebeneichen oder Winkwitz aufhält und sich auch oft dort schnell auflöst, wenn die Sonne an Kraft gewinnt.

Vorgestern war jedoch so ein Morgen in Meißen, an dem der Nebel nicht so schnell von der Sonne vertrieben wurde. Dicke Nebelschwaden wogen im aufgehendem Morgenlicht um die Albrechtsburg und brachen sich an ihren alten Gemäuern. Ein ehrfürchtiges Schauspiel.


Nebel und Einsamkeit. Das hat Hermann Hesse gut in seinem Gedicht erfasst. Die Furcht vor der Einsamkeit, dem nicht Erkennen von alltäglichen Dingen in einer gewohnten Umgebung, lässt uns bei dichtem Nebel in eine melancholische Grundstimmung fallen. Vor, neben und hinter mir erscheint das Nichts. Ein Abgrund, der mich auf meiner Wanderung begleitet und schier unendlich erscheint.

Vielleicht wie in finsterer Nacht, in der die Dunkelheit mir das Augenlicht nimmt und mein Gehör übernatürlich schärft. Wo jedes Geräusch nicht sichtbar ist und deshalb mir die schlimmsten Alpträume beschert.

In den mythologischen Sagen und Erzählungen ist das Aufsteigen des Nebels eine Möglichkeit, vom Diesseits ins Jenseits befördert zu werden. Steigen also bei Nebel über der Elbe die Seelen der Toten ins Himmelreich? Eine gruselige Vorstellung.

 

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