In Meißen ist am letzten Donnerstag ein Obdachloser tot unter der Eisenbahnbrücke am Plossenaufstieg aufgefunden worden. Nico war 34 Jahre alt. Wie kann so etwas passieren und wer trägt an diesem schrecklichen Ereignis die Schuld?
Ich habe mir die Mühe gemacht und habe mir alle Kommentare unter dem Beitrag durchgelesen. Von selber Schuld, hätte er doch Hilfe angenommen, der Sozialstaat habe versagt und natürlich der Spruch in Dauerschleife: Für andere wäre genug Geld da.
Ich mache jetzt mal die Situation an Günter Irmer, den fast jeder Meißner kennen dürfte, und einem ehemaligen anderen Obdachlosen aus Meißen fest, welche ich beide sehr gut kenne und kannte. Der große Günter, alias Küsschen, ist schon verstorben. Dieser war zwar nicht wirklich obdachlos, aber er hatte panische Angst nach Hause zu gehen, weil er dachte, er würde dort durch die Einleitung von Gas durch den Nachbarn, vergiftet. Dadurch war er mehr draußen als Zuhause und schlief auch im Sommer oft im hohen Gras an den Elbwiesen, oder im Gelände der alten Bidtelia-Werke an der Fabrikstraße.
Er hat mir immer wieder von dem Gas erzählt, bis ich ihn fragte, warum er denn nicht auszieht und in eine andere Wohnung zieht. Es kam irgendwann heraus, dass Günther Analphabet war und überhaupt keine Kündigung schreiben konnte. So habe ich das für ihn übernommen und er hat die Kündigung auch abgegeben. Der Vermieter hätte ihn jedoch wieder überredet, wohnen zu bleiben. Zumindest war das die Aussage von ihm. Er litt also ständig unter Angst und unter dem Aspekt, wenig an seinem Leben ändern zu können, weil er nicht schreiben und lesen konnte. Er schämte sich und das tun viele.
Auch er hatte mal einen Job. Er arbeitete 40 Jahre genau in diesem alten Keramikwerk, dass er später als Rentner immer wieder aufsuchte. Er schwärmte immer von der schönen Zeit, die er dort hatte und was für eine geringe Rente er für 40 Jahre Arbeit bekam. Auch hier habe ich ihm gesagt, er könne auf das Amt gehen und aufstocken, da seine Rente zu gering sei. Er hat es nicht getan. Wir wissen auch alle, warum.
Günter Irmer, der einst im Internet mit einer eigenen Facebook-Seite verhöhnt wurde und als Belustigung diente, ist ein ähnlicher Fall. Ich frage mich bis heute, wie er das bisher alles überlebte. Ich habe einst mit Günther Irmer zusammen gearbeitet. Er war damals ein ganz normaler Mensch, bis er anfing, immer öfter die Arbeit zu schwänzen. Er verfiel dem Alkohol, womöglich gab es Probleme in der Familie und auch die Psyche litt zunehmend.
Wir haben uns immer wieder getroffen und zu dieser Zeit lebte er auch schon auf der Straße. Nach der Frage, warum, war er eindeutig und klar. Dann habe ich meine Ruhe. Keine Rechnungen, keine Mahnung, nichts. Keiner geht mir auf den Sack. Auf die Frage nach dem Obdachlosenheim in Meißen kam ebenfalls eine klare Antwort. Dort gehe ich nicht hin, dort beklaut man einander.
Ich hatte damals eine Idee und wollte ihn als Protagonist für ein Fotoshooting, um die Gegensätze unserer Gesellschaft aufzuzeigen. Er lehnte ab, mit der Begründung, ich würde ihn begrabschen wollen. Auf meine Frage, wie er auf solch eine absurde Idee kommen würde, antwortet er, dass dies schon öfter passiert wäre. Männer hätten ihm Essen und eine Dusche versprochen. Er ging nicht genau ins Detail, aber die Botschaft war klar.
Mit der Zeit wurde Günter immer mehr psychisch auffällig und war von Zeit zu Zeit im Krankenhaus, oder zur Entziehungskur. Er kam mir einmal entgegen, da hatte er sich selbst aus dem Krankenhaus entlassen. Er zeigte mir stolz seinen rechten Arm, der über seine ganze Länge einen halb offenen Arm, teils zugenäht, zeigte. Das meinte ich damit, dass dieser Haudegen noch lebt. Ich weiß jetzt nicht genau, wie viele Entziehungskuren er schon durch hat, aber es sind einige. Ihm wurde immer wieder Hilfe angeboten, er hat heute einen Betreuer und auch eine Wohnung, fällt aber trotzdem immer wieder in alte Muster zurück. Zurzeit nimmt er womöglich, ich weiß es nicht genau, starke Medikamente. Er erkennt mich nur noch unter: der Mann mit der Kamera. Sonst hat er mich immer mit meinem Spitznamen angesprochen. Wenn ich versuche mit ihm zu reden, kommt nichts Verständliches mehr dabei raus.
Wie ihr merkt, ist das mit der Schuld gar nicht so einfach. Wichtig ist, dass wir dem Verstorbenen beim Namen nennen. Sein Name war Nico. Er ist mit 34 Jahren ums Leben gekommen und das ist viel zu zeitig. Unsere Gesellschaft verroht immer mehr und keiner fragt, wie es dem Menschen im Leben ergangen ist, oder wie es ihm gerade geht. Vor allem psychische Leiden sind auf dem Vormarsch und werden verlacht und damit abgetan, diese Leute wären ja nur faul und hätten zu nichts Lust. Fragt euch mal insgeheim, wer Schuld an der Situation haben könnte, schaut dabei aber mal weg von den gängigen Feindbildern.
Obdachloser tot in Meißen gefunden: Sein Name war Nico