Lost Place: Das verlassene Ferienlager und das Erbe meines Vaters

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Verlassene Orte könnten uns viele Geschichten erzählen, wenn sie denn sprechen könnten. Leider bleiben diese Geschichten meist verborgen. Sie werden oft mit zu Grabe getragen, ohne erzählt wurden zu sein.

Ich finde das immer sehr schade, wie verlassene Orte und ihre Geschichten einfach so verschwinden. Versteht mich bitte nicht falsch. Es geht mir nicht um Sensationsgier. Mich interessieren einfach Lebensgeschichten von Orten und Menschen die dort lebten. Und natürlich muss diese Lebensgeschichte niemand offenbaren, wenn er es denn persönlich nicht möchte.

Dennoch. So verschwinden Mensch und Ort einfach von der Bildfläche. Nichts erinnert mehr an ihn. Wie die kleine Schneeflocke die zu Wasser zerfließt und am Ende im Sonnenlicht verdunstet. Ein Kreislauf, in dem wir selbst alle gefangen sind. Wer werden geboren, leben unser Leben und vergehen. Und am Ende werden wir vergessen….

So geht es vielen einst schönen Orten und lieben Menschen. Auch in diesem Beitrag möchte ich euch einen vergessenen Ort vorstellen, über den es keine öffentlichen Schriften oder Fotos aus damaliger Zeit gibt. Es geht mir hier nicht um private Dinge. Es geht mir um ein einstiges Ferienlager in einem sächsischen Gebirge, in dem viele Kinder ihren Spaß hatten. Es ist also ein Ort, der Öffentlichkeit verdient, bevor er komplett verschwunden ist. Und an diesem Ort ist es wirklich fünf vor zwölf.

Gestern besuchten wir nun diesen Ort, der nicht schauriger hätte sein können. In dem Haupthaus, wo Küche und Speisesaal für die Kinder untergebracht waren, sind die Etagen teilweise komplett zusammengebrochen. Hier lebte einst auch die Familie, die das Ferienlager betrieb. Dieser Teil ist schon komplett verloren und eine Hoffnung auf ein Wiederauferstehen gleich Null. Im Kellerabteil fand ich jedoch noch etwas interessantes und zwar die Meißner Albrechtsburg. Bitte verwechselt dieses Steingut nicht mit der Ofenfliese, die ich euch erst letztens gezeigt habe.

Das Haupthaus verbindet den Schlaftrakt mit einem aus Glas gefertigten Durchgang. Dieser wirkt noch richtig gut in Schuss. Die farbenfrohen Fensterwürfel machen einen lebendigen Eindruck und sind der komplette Gegensatz zu dem, was uns in dem besagten Schlaftrakt erwarten wird. Aber seht selbst.

Nachdem ihr die Bilder gesehen habt, müsst ihr euch etwas vorstellen. Dieser Ort war mal ein Ferienlager. Hier haben Kinder geschlafen und ihre Ferien verbracht. Das sind dann so Bilder die mir durch den Kopf huschen, wenn ich Fotos davon mache. Es ist ein verstörendes Gefühl, wenn man den gleichen Ort heute mit dem einstigen Zweck vergleicht. Aber genau das ist die Faszination, die verlassene Orte ausmachen und was von vielen Menschen immer noch nicht verstanden wird.

Nach dem Bilder machen kommt meist die Recherche im Internet. Ab wann ist das Gebäude oder die Einrichtung geschlossen und warum? Wie sah das Gebäude aus, als es noch genutzt wurde? Leider ist das in vielen Fällen erfolglos. Von privaten Häusern erfährt man sowieso nichts, außer den Namen. Von kleinen Ferienlagern wie steht im Internet auch nichts. Es war mal ein eingetragener Verein. Aber im Internet ist von dem keine Spur.

Doch dieses Mal sollten wir Glück haben. Im tiefen Internet, mit einem Eintrag von 2011 in einem Forum, sollten wir etwas mehr erfahren als üblich.

So musste das Ferienlager um 2002 schließen, weil die Familie wegen Geldmangel die Reparatur für die Heizungsanlage nicht mehr bewältigen konnte. Zuvor hatte die Stadt Dresden die Fördermittel für das Ferienlager gestrichen.

Dieser Foreneintrag wurde sehr emotional verfasst. Er beschreibt den Zustand des Gebäudes aus der Sicht der Tochter des Inhabers, die einst selbst dort lebte und das Lebensprojekt des Vaters damals 2011 in dieser Verfassung besuchte. Halten wir kurz fest. Sie hat diesen Ort 2011 besucht, wir 2019. Damals beabsichtigte sie noch eine aussichtslose letzte Möglichkeit, dass Gebäude zu retten. Als ihr Vater starb, sollte sie genau dieses Land mit all seinen Schulden erben. Sie hat das Erbe ausgeschlagen und somit ging das Land samt Gebäude an den Staat. Nun wollte sie aber mit dem Bürgermeister sprechen, ob es die Möglichkeit gäbe, dass Land zurück zu bekommen.

Und wie wir heute sehen, ist natürlich nichts daraus geworden. Das Gebäude ist weiter verfallen, verschimmelt und mit Nässe durchzogen. Es gibt keine Hoffnung mehr. Es ist Vergangenheit und irgendwann vergessen. Bis auf diesen Blogeintrag. Aber auch der ist irgendwann weg. Wenn die Webseite nicht mehr betrieben und die monatliche Rate nicht mehr beglichen wird, wird auch dieser Beitrag gelöscht…..

Ein Kommentar auch kommentieren

  1. Harald Leuschner sagt:

    Es ist eine berührende Geschichte. Leider ist das in der heutigen gewinnorientierten Zeit keine Seltenheit mehr. Was sich nicht zu Geld machen lässt, interessiert kaum noch jemanden. Das betrifft leider nicht nur, von Menschehand Geschaffenes, sondern oftmals die Menschen auch selbst.
    Die Bilder sind einerseits bedrückend, wenn man den Verfall betrachtet. Es ist schon etwas unheimlich, wenn man zurückgeschlagene Bettdecken sieht, so als wäre gerade jemand vor wenigen Minuten aus diesem Bett aufgestanden.
    Andererseits, wenn man sich den Frohsinn der Kinder vorstellt, die dort ihre Ferien verbrachten und glücklich waren, kann man in den Bildern immer noch das Abenteuer, die Entdeckerlust und die Romantik eines Kinderferienlagers spüren. Man fühlt sich in seine eigene Kindheit versetzt und erinnert sich an Geschichten, die man selbst einst erlebte.
    Das ist die positive Ausstrahlung, die diesen Bildern innewohnt.
    Deshalb meinen Dank an das Auge hinter der Kamera, dem es gelungen ist, diesem trostlosen Ort noch einmal für einen kurzen Moment Leben einzuhauchen.

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